– Upcycling? Was ist das? Etwas mit `nem Hochfahrrad?

Fast jeden Morgen begegnen mir ein paar Dinge auf der Straße, die ich irgendwie und unbedingt in meine Werkstatt schleppen muss. Ich habe immer gerne altes Zeug gesammelt, das ich dann im Sinne von Marcel Duchamps objets trouvés neu arrangierte. Ein Faible für das Basteln und die Überzeugung, dass man mit dem, was man schon hat, viel erreichen kann ohne systematisch Neues zu kaufen fordern mich heraus. Ich will praktische Lösungen für verlassene Objekte finden, die sich nach einem neuen Leben mit Patina sehnen. So wie Patchworkfamilien entstehen, bemühe ich mich also, aus den Trümmern der Zeit neue Geschichten zu schaffen. Und das, als wenn ich ein Gericht für einen König und eine Königin zubereiten müsste ausschließlich mit dem, was ich gerade im Kühlschrank habe.Diese Kunst-Nutz-Objekte sind daher Unikate, meistens aus Holz, Plexiglas und/oder Metall.

Berlin ist dank seiner bewegten Vergangenheit ein Paradies für das Upcycling. Das Rollfeld des legendären Ex-Flughafens Tempelhof zum Beispiel gehört heute den Kitesurfern, Drachenmeistern und Grillfanatikern. Die beiden fast 30 Jahre lang durch eine Mauer getrennten Städte wurden als Großfamilie zusammengeworfen, die Reste der Mauer aber strahlen immer noch diesen Baustellengeist aus, der die Besucherin erstaunt, das Wiederaufleben begünstigt und dem angehenden Upcycler seine Hemmungen nimmt. Hier gilt das, was die Angelsachsen „Permission to fail“ nennen: die Aufgeschlossenheit des Anfängers, eine wohltuende und nötige Toleranz für ganz neue, unversnobte Unternehmungen.

Das Wort Upcycling selbst (Anglizismophobe sagen Aufwertung) illustriert bestens jene Tätigkeit, die darin besteht, den geschlossenen Kreis des Recyclings zu öffnen, um ihn in eine aufsteigende Spirale zu verwandeln. Obsoletes neu zu arrangieren, damit etwas Besseres entsteht, etwas Überlegenes. Recycling findet immer statt, früh oder spät, mit oder ohne unser Einverständnis. Upcycling dagegen geschieht nicht ohne menschliche Entscheidung, ohne Kurswechsel, ohne Politik. Wenn man weiß, das 54% der Gegenstände, die wir wegwerfen, eigentlich einwandfrei funktionieren, könnte man fast glauben, die Illusion des Neuen sei in unsere Gene eingeschrieben... Betrachtet man aber die Moleküle eines Glases Leitungswassers, erfährt man, dass sie ein paar Milliarden Jahre alt sind. Durch ihren biochemischen, Samsara-ähnlichen Zyklus könnten sie Teil von fast allem gewesen sein: dem letzen Atemzug eines thailändischen Warans, einem Gewitter des Paläolitikums, Stalins Magenwand oder des ersten schwedischen Streichholzes... Wer weiß?! – „Ja, wozu auch?“, könnte man erwidern. Weil es einfach bedeutet, dass wenn Sie etwas in Ihren Händen halten - dieses Glas frisches Wasser, die Hand Ihres Liebhabers oder eine auf ihren Feind gerichtete Waffe - Sie da auch dessen Vergangenheit (für die Sie nicht mehr viel tun können) und dessen Zukunft (für die Sie schon sehr viel mehr tun können) in Ihren Händen halten. Wenn Sie lange genug warten, würden Sie feststellen, dass das, woraus diese Dinge bestehen, quasi aus der Ewigkeit kommt, dass es dahin auch zurückkehren wird - und Ihnen dort gelegentlich sehr wohl begegnen könnte, in welcher Form auch immer!

Upcycling zu praktizieren ermöglicht ausserdem auch, Ideen wie „alt“, „neu“, „Leben“ und „Tod“ neu zu betrachten, bzw. zu definieren. "Nichts geht verloren, nichts wird geschaffen" sagte der Chemiker und Philosoph Antoine Lavoisier. Daher lautet eine Devise des Upcyclings: "Schätze das, was durch deine Pfoten kommt - und geht!" Alles andere ist mit Spielfreude (Wow, das passt ja zusammen!) und einer gewissen Neigung zur Verwirrung (Ups, dies hier heißt nicht mehr „Stuhl“!) verbunden. Dafür gibt es im Französischen das Wort bricolage. So hatte mein Vater, der kein Englisch konnte und nichts von Upcycling wusste, einen Teil unseres Kellers genannt. Er definierte durch die Benutzung einen Gegenstand neu und stellte ihn in eine ganz andere Funktion als die, für die er ursprünglich prädestiniert war.